Archäologie in der Silvretta

 



Archäologie an der Grenze – Rückwege in die Vergangenheit der Silvretta

„Gibt es neben dem Ötzi auch einen Silvretti?“

 

Dr. Thomas Reitmaier berichtete über den Stand der archäologischen Untersuchungen in der Silvretta: 

 

Seit 2007 untersucht ein neues archäologisches Projekt „Rückwege“ der Universität Zürich gemeinsam mit Partnern aus der Schweiz und Österreich die bislang weitgehend unerforschte Silvrettagruppe zwischen dem Paznaun, dem Unterengadin und dem Montafon. Einer von diesen Partnern ist die Gemeinde Galtür mit dem Alpinarium Galtür. Im Vordergrund der stark interdisziplinär und diachron ausgerichteten Arbeiten steht dabei die Beziehung Mensch – Umwelt im Hochgebirge, d.h. die Suche nach frühen menschlichen Begehungs- und Besiedlungsspuren von ersten nacheiszeitlichen Jagdgruppen über prähistorische Hirten bis hin zu transalpinen Verbindungen über die z. T. vergletscherten Passgebiete. Bereits in einem ersten systematischen, nur 2,5 Wochen dauernden Survey mit 10 Studierenden aus Zürich und Innsbruck konnte eine Vielzahl von archäologischen Fundstellen kartiert und mitunter auch kleinflächig sondiert werden. Der bislang älteste Fundplatz liegt im Fimbertal nahe der Heidelberger Hütte und datiert ins 5. Jahrtausend v. Chr. Unklar bleibt vorerst, ob es sich bei dem Lagerplatz mit Feuerstelle um Hinterlassenschaften der allerletzten nomadisierenden Jagdgruppen der Mittelsteinzeit oder bereits um die ersten Bauern und Viehzüchter handelt, die vielleicht im Unterengadin ihre Siedlung und Äcker gehabt haben. Im Jam konnte ein jungsteinzeitlicher Brandhorizont weit über der heutigen Waldgrenze aufgedeckt werden, der genau in die Lebenszeit von Ötzi fällt und mit einer systematischen, möglicherweise klimabedingten Erschliessung des Alpenraums korrespondiert. Gut mit den aus den Unterengadiner Tallagen bekannten Siedlungen der Bronze- und Eisenzeit lassen sich dann bronzezeitliche Feuerstellen auf der Bieler Höhe verbinden. Sie stellen möglicherweise Reste von Lagerplätzen prähistorischer Hirten dar, die bereits damals ihr Weidevieh in diesem Gebiet gesömmert haben. Handfeste Nachweise für hüttenartige Unterkünfte mit Pferchen lieferten schliesslich im Fimbertal und Val Tasna dokumentierte Steinstrukturen, die mittels Radiokarbondatierung und Fundmaterial in die Jüngere Eisenzeit (um 500 v. Chr.) eingeordnet werden können. Der jüngste naturwissenschaftlich datierte Fundort liegt am Rossboden im Jam und bestätigt mit seiner Datierung ins 12.-14. Jahrhundert die auch schriftlich belegte Erschliessung von Galtür im Hochmittelalter.

Diese ersten Erfolge in dieser bislang archäologisch völlig unerforschten Hochgebirgsregion zeichnen bereits eine hochinteressante menschliche Nutzung der Silvretta seit mindestens 7000 Jahren nach. Die Fortführung der Arbeiten im heurigen Sommer, während der auch mehrere bereits bekannte Fundplätze detaillierter untersucht werden, wird das Bild sicherlich noch weiter verfeinern und möglicherweise auch noch ältere Spuren ermöglichen. Bislang ausgespart blieben im übrigen die vergletscherten Übergänge: hier ist – das zeigen auch Altfunde – ebenfalls mit Hinterlassenschaften aus der Vergangenheit zu rechnen! Über die Forschungsergebnisse ist nach Abschluss des Projektes „Rückwege“ eine Publikation und eine Ausstellung geplant.