ALPINARIUM GALTÜR

Ausstellung 2004 - die Lawine (Bericht von Bgm. Anton Mattle) 

 

„Galtür unter einem Dach“, die erste Ausstellung des Alpinariums, läuft im April dieses Jahres aus. Eine Ausstellung, die in den lokalen aber auch in internationalen Medien (z.B. im Standard und in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung) hervorragende Kritiken erhielt, aber trotzdem nicht die entsprechende Akzeptanz bei den „eiligen“ Besuchern fand. Besucher, die sich Zeit nahmen und im Rahmen einer Führung die Symbolik der Ausstellung verstehen lernten, waren beeindruckt und zollten höchstes Lob.
Die Neugierde der Besucher nach Erklärungen zur Lawine, aber auch der Wunsch der GaltürerInnen nach Entlastung vor den immer wieder gleichlautenden Fragen zum Februar 1999 waren ausschlaggebend dafür, dass im Verein Alpinarium Gespräche über eine Ausstellung zum Thema „Lawine“ geführt wurden.

In den durchwegs emotionellen Diskussionen galt es, das Für und Wider abzuwiegen und in der Gratwanderung zwischen Pietät und Dramatik eine Ausstellung zu entwickeln, welche in dokumentarischer Aufarbeitung, eine Abrundung des traumatisch Erlebten ermöglicht und der Tragweite des Ereignisses gerecht wird. Mit dem zeitlichen Abstand von fünf Jahren fällt es leichter, die Geschehnisse nüchtern zu betrachten und ich versuche, anhand eines Drehbuches die Ausstellung „die Lawine“ zu beschreiben.

 



Der Blick in das Frühmeßgut und die über dem Eingangsportal stehende Aufschrift „DIE LAWINE“ lösen in mir kalte Schauer aus. Die Bilder des Februar 1999 drängen sich ins Gedächtnis und ganz plötzlich wirkt die weiße Alabasterfassade über dem Eingang des Alpinariums wie eine zu Stein gewordene Lawine. Beim Eintritt wird die Spannung durch die archaische Gestaltung des Foyers und das diffuse Licht verstärkt. Das durch die Alabasterfassade einfallende Licht lässt den Eindruck einer Schneehöhle entstehen. Der Steinkreis, ursächlich als Symbol für Fels und Berge in Bewegung gedacht, erscheint wie ein Skelett. Einem zerstörten Zuhause, einer Ruine, einem Mahnmal gleich, beherrscht er den gesamten Raum.

Steinkreis in der Eingangshalle 



Das grelle Gelb des Ticketing ist eine Warnung. Will ich mich nochmals in dieser Intensität mit den Ereignissen des Februar 1999 auseinandersetzen? Besteht Gefahr, dass die schon beinahe vernarbten Wunden wieder aufbrechen?

Die Neugierde besiegt die Angst und ich finde mich in einem Labyrinth aus feinen Stoffbahnen wieder. Das Pfeifen des Windes, die Schwierigkeit der Orientierung, die da und dort auftauchenden Bilder von Schnee und Lawinen vermitteln den Eindruck einer Guxe (Schneesturm). Eine Guxe, wie wir sie kennen, nicht gefährlich, aber trotzdem respekteinflößend. Jeder sucht das schützende Zuhause und die Nähe der Mitmenschen. 

Ganz plötzlich taucht ein heller Raum auf; Ich sehe viele vertraute Gesichter. Mitten in der Dorfgemeinschaft fühle ich mich geborgen. Auf einer Leinwand läuft eine Dokumentation über Galtür; Kinder, die sich an ihre Mitschülerin erinnern. 

Durch einen niedrigen Eingang hindurch erreiche ich einen Ort der Ruhe und Meditation; Memento - der Raum des Gedenkens. Die abstrakte Bildsprache des Triptychon macht die Tragweite der Lawine, den Schmerz, die Trauer, aber auch die Hoffnung spürbar. Ich setze mich nieder und lasse das Bild auf mich wirken. Im Schutz der Sitznische entführen mich meine Erinnerungen zu jenen Mitmenschen, denen dieser Raum gewidmet ist. Ich habe Mühe, die Tränen zu unterdrücken und wie nie zuvor wird mir die Endlichkeit des Daseins bewusst.

Mit einem Gebet fange ich meine Gedanken wieder ein und ganz langsam, immer noch tief bewegt, kehre ich in die Dorfgemeinschaft zurück. Ich schaue mir das eine und andere Gesicht näher an, verwundere mich, wie schnell sich Gesichtszüge verändern und komme in einen Raum, der mich sehr an meine ersten Museumsbesuche erinnert. Tische, Schaukästen und Vitrinen prägen das Bild.

Chronologisch, sachlich, die Emotionen Einzelner ausklammernd, wird der jüngste Schicksalsschlag unserer Gemeinde aufgearbeitet. Die Lawine wird nicht alleine auf Galtür beziehend dargestellt, sondern in eine Gesamtsicht eingebaut. 

Mit Fotos, Videos, Statistiken und Texten werden die Wettersituationen vom Februar 1999, die Straßensperren, das Krisenmanagement, die Lawinen von Chamonix, Evolene, Galtür und Valzur, die Rettungs- und Evakuierungsmaßnahmen dokumentarisch dargestellt. 

Die Erinnerungen an die ersten Stunden nach dem Lawinenabgang, das „auf sich allein gestellt sein“, die Trauer und die Zerstörung, aber auch die Hilfe und die Anteilnahme versetzen mich in ein Wechselbad der Gefühle. Der Schmerz über das nach wie vor Unfassbare wird langsam von der erlebten Unterstützung und Solidarität verdrängt.

Am Weg in den Medienraum taucht eine Schlagzeile des Jahres 1999 in meinem Gedächtnis auf: „Von der Lawinenkatastrophe zur Medienkatastrophe“. Zeitungsausschnitte, Interviews und Fernsehberichte lassen mich das Bild des außenstehenden Betrachters mit dem Bild des Betroffenen vergleichen und es drängen sich Fragen nach der Wahrheit auf: Was ist Wahrheit? Welche Wahrheit? Ist Wahrheit immer gleich? Gibt es nur eine Wahrheit?
Nach wenigen Schritten stehe ich zwischen mächtigen Stahlschneebrücken. Stahlschneebrücken, die nicht das Anbrechen von Lawinen verhindern, sondern Stahlschneebrücken als Träger der Zukunft unserer Gemeinde. Ganz wohltuend nehme ich all die Maßnahmen, Initiativen und neuen Techniken wahr, die seit dem Februar 1999 entstanden sind und umgesetzt wurden. 

Ich beginne zu verstehen - in jeder Krise liegt auch eine Chance.
Anton Mattle