SCHMUGGLERGSCHICHT 
VOR GERICHT

Ein Zeitungsausschnitt aus dem Jahre 1893
(Schreibweise teilweise verändert) 

Die interessantesten Geschichten schreibt das Leben. Edmund Walter hat uns freundlicherweise einen Zeitungsausschnitt aus dem Jahre 1893 zur Verfügung gestellt. Vielleicht kennt ihr auch eine solche Geschichte. Wir würden sie gerne veröffentlichen.

Gerichtszeitung (1893) 

(Ein Kampf zwischen Schmugglern und Finanzmännern.) Beim hiesigen k. k. Landesgericht kam nachstehender Straffall zur Verhandlung: Josef Sonderegger, 30 Jahre alt, ledig, Maurer in Galtür und Franz Tschan 42 Jahre alt, verehelicht, Bauer dort, kehrten am 3. November des Jahres nachmittags von der Schweiz zurück und hatten 62 Kilo Kaffee in zwei Säcken mit herübergeschmuggelt. Im Klostertale wurden sie jedoch von einer Finanzwache Patrouille, bestehend aus zwei Mann, angehalten. Es gelang ihnen unter Zurücklassung der zwei Kaffeesäcke zu entfliehen. Die zwei Finanzwachmänner mussten nun die beiden Säcke bis ins Dorf Galtür vier Stunden weit tragen. Als sie ganz erschöpft gegen halb neun Uhr vor dem Dorfe anlangten, gewahrten sie mehrere Männer, welche mit Zaunlatten und Stöcken auf sie losgingen, so dass sie mit Gewehr und Bajonetten sich wehren mussten. Während dieses Kampfes hatten die Finanzwachmänner die Kaffeesäcke auf den Boden gelegt. Diese Säcke wurden von den Männer wieder genommen und davongetragen. Bei diesem Kampfe wurde einem Wachmanne das Bajonett abgeschlagen und dem andern das Gewehr aus der Hand geschlagen, so ernstlich war der Sturm auf sie. Nachdem die Säcke in der Gewalt der Burschen waren, zerstreuten sie sich sofort. Die eingeleitete Untersuchung ergab, dass Josef Sonderegger und Franz Tschan, als sie um 7 Uhr abends nach Hause gekommen waren, ihre Erlebnisse im Klostertale erzählten und die Anregung gaben, den Finanzwachmännern am Dorfeingang abzupassen und ihnen den Kaffee wieder abzunehmen. Josef Sonderegger und Franz Tschan werden des Verbrechens der Teilnahme an der öffentlichen Gewalttätigkeit schuldig erkannt und ersterer zu 3 Monaten schweren Kerkers verurteilt. Aber auch die Männer und Burschen, welche der Finanzwach- Patrouille aufgelauert und ihr die Kaffeesäcke wieder abgenommen haben, wurden eruiert und des Verbrechens der öffentlichen Gewalttätigkeit schuldig befunden und abgestraft. Es erhielt Josef Zangerle, 39 Jahre alt, verehelicht, Winkelbauer in Galtür, 4 Monate; Gottfried Sonderegger, 20 Jahre alt, Taglöhner dort, 4 Monate; Alfons Sonderegger, 27 Jahre alt, ledig, Maurer dort, 6 Monate; Alois Tschan, 24 Jahre alt, ledig, Bauer dort, 5 Monate, und Theodor Pfeifer 34 Jahre alt, ledig, Bauer dort, 7 Monate schweren Kerkers. Die bei der Affaire behelligten Finanzwachmänner (Oberaufseher Lukas und Aufseher Plangger) haben die Vorgänge am 23. November ungefähr in folgender Weise zur Anzeige gebracht: Am genannten Tage wurde wegen Schmuggelverdachtes der Grenzdienst im Vermunt und Klostertal versehen. Im Klostertal wurden im Schnee verdächtige Spuren entdeckt, welche vom vorhergehenden Tage herrührten und in der Richtung gegen die Schweiz führten. Die beiden Obengenannten beschlossen nun, obwohl sie mit Proviant und Mänteln nicht versehen waren, auf der Lauer zu bleiben. Kaum hatten sie sich in einer Felsenhöhle versteckt, kam ein Mann, welcher gegen die Schweiz zulief und gerade unter ihrem Versteck aus seiner Flinte einen Schuss abfeuerte. Von einer Anhöhe aus durchsuchte er dann das Terrain mit einem Fernrohr. Gegen Mittag kamen von der Schweiz her über den Gletscher zwei Männer. Als dieselben schon ziemlich weit im Klostertal herüber waren, feuerte der vorhin erwähnte Mann wieder einen Schuss ab. Die zwei Schwärzer blieben stehen; nach längerer Umschau setzten sie ihren Weg in der Richtung auf den spionierenden Mann zu fort. Alle drei blieben dann auf einer Anhöhe 1 bis 1 1/2 Stunden sitzen und machten sich mit dem Gepäck zu schaffen. Der Spion ging dann voraus, sezte sich gerade unter dem Versteck der Finanzwachmänner nieder und spähte durch eine halbe Stunde umher. Als er nichts Verdächtiges wahrnahm, winkte er die Schmuggler herbei, worauf der Weitermarsch erfolgte. Als die beiden Finanzwachmänner glaubten, dass die Schmuggler sie nicht bemerken können, sprangen sie aus ihrem Versteck hervor und ihnen nach. Die Schwärzer sahen sie aber, ließen das Gepäck fallen und liefen dann weiter. Sie konnten auch nicht mehr eingeholt werden. Die Finanzwachmänner nahmen nun das Gepäck – zwei Kaffeesäcke – um sie durch das Vermunt nach Galtür zu bringen. Als sie dort gegen 9 Uhr abends anlangten, kam ihnen einen Gruppe Männer entgegen, welche alsbald mit Zaunlatten und dergleichen gegen die beiden vordrangen. Während des Gefechtes wurde Lukas zu Boden geschlagen und verlor das aufgepflanzte Bajonett. Mittlerweile waren zwei mit den Kaffeesäcken davongelaufen, worauf sich auch die übrigen zurückzogen. Die Angegriffenen hatten von der Schusswaffe wegen der Nähe der Häuser und weil einige Angreifer erkannt worden sind, keinen Gebrauch gemacht.